Was eine Checkliste nicht löst
Briefing-Checklisten für Designprojekte gibt es in Hülle und Fülle. Zielgruppe, Wettbewerb, Farbwelt, Tonalität, Formate. Die meisten sind solide, und die meisten sind für eine Sprache geschrieben.
Sobald ein Projekt in drei Sprachen läuft, tauchen Fragen auf, die keine dieser Checklisten beantwortet. Welche Entscheidungen gelten sprachübergreifend? Welche müssen für jede Sprache neu getroffen werden? Und was passiert mit einem Layout, das auf Basis eines englischen Textes entwickelt wurde, wenn die deutsche Version 30 Prozent länger ist?
Ein Designbriefing für ein mehrsprachiges Projekt drei Sprachen zu umfassen ist keine Übersetzungsaufgabe. Es ist eine Strukturaufgabe.
Einmal entscheiden, dreimal anwenden
Manche Entscheidungen fallen tatsächlich nur einmal. Das visuelle System, also Farbe, Typografie, Logoführung und Bildsprache, ist sprachunabhängig. Es gilt für Deutsch, Spanisch und Englisch gleichermaßen, und das sollte das Briefing explizit festhalten. Wer das nicht klar formuliert, riskiert, dass später jede Sprachversion leicht anders wirkt, weil verschiedene Personen verschiedene Annahmen getroffen haben.
Auch die grundlegende Nutzerführung, Seitenstruktur und Informationshierarchie gelten einmal. Die Reihenfolge, in der Inhalte präsentiert werden, hängt von der Kommunikationsstrategie ab, nicht von der Sprache.
Was das Briefing hier leisten muss: eine klare Aussage darüber, welche Elemente zum unveränderlichen Kern gehören, und eine ebenso klare Grenze zu dem, was variieren darf und soll.
Dreimal entscheiden: Ton, Ansprache, Textatmosphäre
Hier fliegt das Briefing auseinander.
Ein deutsches Publikum erwartet eine andere Tonalität als ein spanisches. Das ist keine Frage von Qualität oder Präferenz, sondern von kulturellen Kommunikationsmustern. Deutsche Geschäftstexte sind in der Regel präziser strukturiert und stärker auf Sachgehalt ausgerichtet. Spanische Texte dürfen wärmer, persönlicher und etwas länger sein, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Englische Texte für ein internationales Publikum bewegen sich oft zwischen diesen beiden Polen.
Ein Briefing, das nur sagt „freundlich und professionell“, ist für alle drei Sprachen nutzlos. „Freundlich und professionell“ bedeutet auf Deutsch etwas anderes als auf Spanisch, und auf Englisch etwas anderes als auf beiden. Das Briefing muss für jede Sprache beschreiben, wie die Textatmosphäre klingen soll, welche Register erlaubt sind, ob gesiezt oder geduzt wird (im Deutschen), und welche Inhalte möglicherweise kulturell anders gewichtet werden müssen.
Die Sie-Du-Frage ist keine Formalie
Nehmen wir die deutsche Ansprache. Die Entscheidung zwischen Sie und Du wirkt sich nicht nur auf den Fließtext aus, sie durchzieht das gesamte Interface. Buttons, Formulare, Fehlermeldungen, Onboarding-Texte. Wer das im Briefing offen lässt, wird diese Frage mitten im Projekt nochmals klären müssen, mit direktem Einfluss auf Entwicklungszeit und Konsistenzprüfung.
Im Spanischen gibt es eine vergleichbare Entscheidung zwischen tú und usted, die in verschiedenen Kontexten entlang der spanischen Küste unterschiedlich aufgenommen wird. Ein touristisches Angebot in Dénia oder Jávea, das internationale Gäste anspricht, klingt mit tú natürlicher. Eine Kanzlei oder ein Finanzdienstleister in Valencia wirkt mit usted seriöser.
Diese Entscheidungen müssen im Briefing stehen. Nicht als Fußnote.
Wo Layouts kollabieren: Textlänge und Typografie
Wer ein Interface auf Basis eines englischen Textes designt und hinterher die deutsche Version einbaut, erlebt die häufigste Art von Projektschaden in mehrsprachigen Projekten: Buttons, die nicht mehr passen. Überschriften, die umbrechen. Menüpunkte, die in der Mobilansicht kollabieren.
Deutsch ist im Schnitt 20 bis 35 Prozent länger als Englisch. Spanisch liegt dazwischen, aber auch hier entstehen im Vergleich zu Englisch regelmäßig längere Zeichenketten. Das betrifft vor allem kurze, hochsichtbare Elemente: Calls to Action, Navigationspunkte, Formularfelder, Fehlermeldungen.
Ein Briefing für ein mehrsprachiges Projekt muss das ansprechen. Nicht mit einer genauen Pixelangabe, aber mit einer klaren Anforderung: Das Layout muss Textreserven einplanen, und der Designer muss von Beginn an mit realistischen Textlängen aller drei Sprachen arbeiten, nicht mit Placeholder-Texten auf Basis einer einzigen Version.
Das gilt auch für die Typografie. Manche Schriften, die auf Englisch elegant wirken, funktionieren auf Deutsch wegen der Satzzeichen, der Umlaute und der Wortlänge schlechter. Ein gutes Briefing benennt das als offene Anforderung, die in der Testphase zu prüfen ist.
Welche Version führt?
Eine Frage, die fast kein Briefing stellt und die fast jedes mehrsprachige Projekt irgendwann aufwirft: Was passiert, wenn die Inhalte zwischen den Sprachversionen voneinander abweichen?
Das klingt nach einem Redaktionsproblem, ist aber ein Designproblem. Denn wenn die deutsche Version eine längere Erklärung enthält, die spanische eine Zusatzinformation für den lokalen Markt, und die englische als internationale Version konzipiert ist, dann müssen Layout und Strukturentscheidungen das abbilden können. Modulare Textblöcke, flexible Seitenbereiche, abschaltbare Inhaltsabschnitte pro Sprache.
Das Briefing muss klären: Welche Version ist die Leitversion? Wird von ihr aus übersetzt, oder werden alle drei Versionen inhaltlich eigenständig geführt? Eine Leitversion vereinfacht die Qualitätssicherung erheblich. Eigenständige Versionen erlauben mehr kulturelle Anpassung, erfordern aber mehr Abstimmungsaufwand.
Beides ist eine legitime Entscheidung. Keine Entscheidung ist keine.
Das Briefing als Übersetzung selbst
Ein Detail, das unterschätzt wird: Wer übersetzte oder lokalisierte Texte im Briefing verwendet, signalisiert dem Designer bereits, wie das Ergebnis klingen soll.
Ein Briefing, das auf Englisch geschrieben ist und Deutsch sowie Spanisch als Anhang behandelt, positioniert die anderen Sprachen unbewusst als Sekundärversionen. Das Gegenteil ist oft richtig: Wenn der primäre Markt deutschsprachig ist, sollte das Briefing auf Deutsch geführt sein, und die anderen Sprachversionen als gleichwertige Anforderungen, nicht als Ableitungen, beschrieben werden.
Das gilt auch für Beispiele, Referenzen und Wettbewerbsanalysen im Briefing. Wer ausschließlich englischsprachige Referenzprojekte nennt, ohne Entsprechungen für den deutschen oder spanischen Markt, gibt dem Designer keinen Anhaltspunkt dafür, wie das Ergebnis in diesen Sprachen wirken soll.
Struktur schlägt Vollständigkeit
Ein Briefing für ein mehrsprachiges Projekt drei Sprachen muss nicht dreimal so lang sein wie ein einsprachiges. Es muss anders strukturiert sein.
Der Kern: visuelle Entscheidungen einmal, sprachkulturelle Entscheidungen dreimal. Eine klare Aussage zur Leitversion. Konkrete Tonalitätsbeschreibungen pro Sprache, nicht als Übersetzung voneinander, sondern als eigenständige Charakterisierungen. Und ein expliziter Hinweis auf Textreserven im Layout.
Wer das in einem Briefing festhält, bevor das erste Moodboard entsteht, spart sich die häufigste Ursache für Mehraufwand in diesem Projekttyp: Entscheidungen, die mitten in der Designphase nachgeholt werden müssen, weil sie am Anfang niemand gestellt hat.
Wenn Sie ein mehrsprachiges Projekt in Deutsch, Spanisch und Englisch planen und von Anfang an sauber aufstellen wollen, sprechen wir gern darüber, was ein belastbares Briefing dafür braucht. Schreiben Sie mir, und wir schauen gemeinsam, wo Ihr Projekt steht.