Designer wechseln: Dateien, Rechte und Übergabe richtig machen

Was Sie wirklich bekommen, wenn ein Projekt endet

Stellen Sie sich vor, Sie haben vor vier Jahren eine Agentur beauftragt. Logo, Website, Geschäftsausstattung, vielleicht eine Präsentationsvorlage. Das Ergebnis war gut. Jetzt wechseln Sie, aus welchem Grund auch immer, und Sie möchten den Markenprojekt-Stand an jemand Neues übergeben.

Was Sie meistens bekommen: eine ZIP-Datei mit exportierten PDFs, ein PNG-Logo auf weißem Hintergrund, vielleicht eine schwarze Variante. Was Sie fast nie bekommen: die Quelldateien. Die Schriftliste. Die Lizenznachweise. Die Zugangsdaten zu allem, was im Hintergrund läuft.

Das ist kein Einzelfall. Das ist die Regel.

Ich übernehme seit vielen Jahren laufende Projekte von anderen Designern und Agenturen. Was Unternehmen mitbringen, wenn sie zu mir wechseln, und was sie nicht mitbringen, hat sich über die Zeit kaum verändert. Agenturen schreiben darüber nicht gern. Dieser Artikel schon.

Was Sie brauchen, bevor Sie den Designer wechseln

Offene Quelldateien

Das Wichtigste zuerst: Jedes Markenmaterial, das für Sie erstellt wurde, existiert in zwei Versionen. Die exportierte Datei, die Sie sehen und verwenden können. Und die Quelldatei, in der das Projekt tatsächlich aufgebaut ist.

Für ein Logo sind das AI- oder EPS-Dateien aus Adobe Illustrator, manchmal auch eine Figma-Komponente oder eine SVG-Quelldatei mit Ebenenstruktur. Für eine Website ist das das Figma- oder Sketch-Projekt. Für Drucksachen sind das die InDesign-Pakete, inklusive verlinkter Bilder und eingebetteter Schriften.

Ohne diese Dateien kann ein neuer Designer Ihr Markendesign nicht weiterentwickeln, ohne von null zu beginnen. Und “von null beginnen” bedeutet: Sie zahlen für Arbeit, die bereits geleistet wurde, ein zweites Mal.

Fordern Sie diese Dateien an, bevor Sie das Arbeitsverhältnis beenden. Nicht danach. Die Bereitschaft zur vollständigen Übergabe sinkt erheblich, sobald die Beziehung offiziell beendet ist.

Schriftlizenzen und Schriftnamen

Typografie ist das zweithäufigste Problem bei der Übergabe. Schriften sind lizenziertes Software. Eine Schrift, die Ihr bisheriger Designer in einer Schriften-Bibliothek abonniert hat, können Sie nicht einfach weiterverwenden.

Was Sie brauchen: den exakten Namen jeder verwendeten Schrift, den Anbieter (Adobe Fonts, Google Fonts, MyFonts, Fontwerk, Commercial Type, etc.) und, falls es eine kommerzielle Lizenz ist, einen Nachweis, dass Sie als Auftraggeber diese Lizenz besitzen oder erwerben müssen.

Viele Unternehmen erfahren erst beim Designerwechsel, dass ihre Corporate Typeface gar nicht ihnen gehört. Die Schrift wurde über das Studioabo des Designers verwendet. Sobald der Designer weg ist, darf niemand mehr damit arbeiten, nicht einmal zum Drucken oder Exportieren, wenn das Abo die Nutzung einschränkt.

Der praktische Ausweg: Vor der Übergabe klären, ob eine kommerzielle Desktop-Lizenz vorhanden ist, und diese gegebenenfalls selbst erwerben. Das ist lösbar. Es kostet nur Zeit und manchmal Geld, das nicht eingeplant war.

Zugangsdaten: Domain, Hosting, CMS, E-Mail

Ein häufiges Szenario in übernommenen Webprojekten: Die Domain läuft über das Konto der Agentur. Das Hosting auch. Das CMS-Passwort kennt nur der ursprüngliche Entwickler.

Das klingt nach Fahrlässigkeit, ist aber oft schlicht entstanden, weil beim Projektstart niemand über die Frage nachgedacht hat, was bei einem Anbieterwechsel passiert.

Was Sie als Auftraggeber unter Ihrer eigenen Kontrolle haben sollten:

  • Die Domain-Registrierung (mit Zugang zum Registrar-Konto)
  • Den Hosting-Vertrag (direkt auf Ihren Namen oder Ihr Unternehmen)
  • Den Admin-Zugang zum CMS (WordPress, Webflow, TYPO3, was auch immer)
  • Die Google-Search-Console- und Google-Analytics-Property
  • Alle verknüpften E-Mail-Konten, besonders das technische Admin-Konto

Wenn eines davon fehlt, ist Ihre Website im schlimmsten Fall nicht erreichbar oder nicht übertragbar, bis die Situation geklärt ist. Das kostet Zeit, manchmal Rechtsberatung, und im Extremfall die Domain selbst.

Markenrichtlinien als eigenständiges Dokument

Ein weiterer blinder Fleck: Die Markenrichtlinien, falls sie existieren, liegen oft nur beim Designer. Als interne Arbeitsdatei, als Präsentation, manchmal gar nicht.

Ein brauchbares Markenhandbuch ist kein Selbstzweck. Es ermöglicht jedem neuen Designer, jedem internen Mitarbeiter und jeder Druckerei, mit Ihrem Erscheinungsbild korrekt zu arbeiten, ohne vorher fragen zu müssen. Farben als HEX-, RGB- und CMYK-Werte. Schriften mit genauen Schnittbezeichnungen. Abstände, Sperrflächen, Varianten.

Wenn Sie kein solches Dokument haben, lassen Sie es vor der Übergabe erstellen. Das ist eine der wenigen Investitionen, die sich bei fast jedem Designerwechsel unmittelbar rechnet.

Was Sie fast nie bekommen

Ich will direkt sein: Die vollständige, sauber dokumentierte Übergabe ist die Ausnahme, nicht die Regel. Das liegt selten an bösem Willen. Es liegt an Strukturen.

Kleine Studios und Einzelpersonen sichern Dateien oft lokal, nicht systematisch benannt, nicht archiviert. Agenturen haben hohe Mitarbeiterfluktuation, und der Designer, der Ihr Projekt betreut hat, arbeitet möglicherweise schon woanders. Quelldateien gehen verloren, weil niemand einen Übergabeprozess definiert hat.

Was ich in übernommenen Projekten regelmäßig vorfinde:

Logos nur als PNG oder JPEG, keine Vektordateien. Schriftarten eingebettet in PDFs, aber kein Hinweis, welche es sind. Websites, die auf einem Serverpaket der Agentur laufen und nicht ohne deren Mitwirkung umgezogen werden können. Markenfarben, die im Stylemanual als “Dunkelblau” beschrieben sind, ohne Farbwert.

Das klingt nach Chaos, ist aber einfach der Alltag in Projekten, die ohne Übergabe als Anforderung geplant wurden.

Wenn die Übergabe nicht vollständig ist

Manchmal ist nicht mehr alles zu retten. Der alte Designer ist nicht erreichbar, Dateien sind verloren, Zugänge existieren nicht mehr.

In diesen Fällen gibt es praktische Wege: Ein Vektorlogo kann aus einer hochwertigen PDF-Exportdatei rekonstruiert werden, wenn die PDF-Qualität ausreicht. Schriften lassen sich aus fertigen Druckdaten oft identifizieren, mit Werkzeugen wie WhatTheFont oder durch einen erfahrenen Typografen. Domains können, bei nachweisbarem Eigentum, über die ICANN-Transferprozesse zurückgeholt werden.

Es ist aufwendiger und es kostet mehr als eine saubere Übergabe. Aber es ist in den meisten Fällen lösbar.

Was Sie beim nächsten Projekt von Anfang an anders machen

Der beste Zeitpunkt, über die Übergabe nachzudenken, ist nicht das Ende des Projekts. Es ist der Vertragsabschluss.

Klären Sie schriftlich: Wer besitzt die Quelldateien? Unter welchem Namen werden Domain und Hosting registriert? In welchem Format und Umfang werden Markenunterlagen übergeben? Werden Schriftlizenzen auf den Auftraggeber ausgestellt?

Das sind keine ungewöhnlichen Fragen. Jeder seriöse Designer kann sie beantworten. Wer ausweicht oder das Thema als irrelevant abtut, zeigt Ihnen damit mehr, als er beabsichtigt.

Wenn Sie ein Markenprojekt übergeben möchten, ein laufendes Projekt zu mir bringen oder von Anfang an eine saubere Struktur aufbauen wollen, rede ich gern mit Ihnen darüber. Schreiben Sie mir, was Sie haben und was fehlt. Dann schauen wir, was sich daraus machen lässt.

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Häufig gestellte Fragen

Was brauche ich, wenn ich meinen Designer wechseln möchte?

Sie brauchen die offenen Quelldateien aller Markenmaterialien (AI, EPS, Figma, InDesign), die Schriftnamen und Ihre eigenen Schriftlizenzen sowie alle Zugangsdaten für Hosting, Domain, CMS und Social-Media-Kanäle. Ohne diese Unterlagen beginnt jeder neue Designer von null.

Muss mein Designer mir die Quelldateien herausgeben?

Das hängt vom Vertrag ab. Wenn Sie die Nutzungsrechte an den Ergebnissen erworben haben, sind die Quelldateien in der Regel enthalten. Viele Verträge übertragen jedoch nur Nutzungsrechte an der fertigen Datei, nicht an den bearbeitbaren Quelldaten. Klären Sie das schriftlich, bevor Sie den Vertrag unterschreiben.

Was passiert mit Schriftlizenzen beim Designerwechsel?

Schriftlizenzen sind personengebunden oder studiogebunden. Wenn Ihr bisheriger Designer eine Schrift lizenziert hat, darf ein neuer Designer dieselbe Schrift nicht ohne eigene Lizenz verwenden. Sie als Auftraggeber sollten die Schriftlizenzen selbst besitzen oder zumindest wissen, welche Schriften verwendet wurden, damit Sie sie neu lizenzieren können.

Was ist der häufigste Fehler beim Designerwechsel?

Der häufigste Fehler ist, erst nach Vertragsende nach den Unterlagen zu fragen. Bis dahin hat die Beziehung oft schon Risse, und die Bereitschaft zur vollständigen Übergabe sinkt. Fordern Sie Quelldateien und Zugänge immer während des laufenden Projekts an, nicht erst danach.

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Oliver Schoepe

Oliver Schoepe

20+ Jahre in Marke, Web und Digital. Ansässig in Dénia, Spanien. Projekte für INEOS, Habanos S.A. und The Stein Group.

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